Quelle: Der Tagesspiegel, 09.02.2014, Artikel von Tanja Tricarico
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Pressemeldungen


Experten für das Wohlgefühl


Die Wellness-Branche boomt in Berlin und Brandenburg. Wer eine Weiterbildung zur Wellnessfachkraft absolviert, hat gute Chancen auf einen Job - vorausgesetzt er arbeitet gerne abends, an Wochenenden
und Feiertagen.


Sanfte Harfenklänge beschallen den abgedunkelten Raum. Es riecht nach ätherischen Ölen. Ab und an ist ein wohliges „Ah" und "Oh" zu hören. Etwa 20 Männer und Frauen sitzen im Kreis. Jeder Zweite hat die Ärmel hochgekrempelt, um einem Mitstreiter sanft Rücken und Nacken zu massieren. Was nach Freizeitspaß klingt, ist harte Studienarbeit: Die Kursteilnehmer machen eine Ausbildung zur Wellnessfachkraft.

Sechs Monate lernen sie beim Weiterbildungsträger Baumann Bildung und Qualifizierung (BBQ) in Berlin, wie Wohlfühlen funktioniert. Doch nicht nur Massagetechniken, die Kunst des Saunaaufgusses, die klassische Kneippkur oder Hautpflege stehen auf dem Programm. Ernährungslehre, Anatomie und Ideen, wie das richtige Wellness-Konzept erstellt und verkauft wird, sind Teil der Ausbildung. In die Ausbildung integriert ist die Zertifizierung der Industrie-und Handelskammer (IHK) Potsdam: Wer den Lehrgang abschließt, kann sich Wellnessberater (IHK) nennen.

Die meisten Teilnehmer der Weiterbildung sind zwischen 35 und 40 Jahre alt. Männer und Frauen halten sich die Waage. lhr beruflicher Hintergrund ähnelt sich. Die meisten kommen aus der Gesundheitsbranche. Einige sind Arzthelfer oder Physiotherapeuten, kennen sich mit Sportverletzungen oder Diätplänen aus. Andere haben im Fitnessstudio gearbeitet oder im Kosmetikstudio. Quereinsteiger sind genauso dabei wie Interessierte, die im Anschluss an die Qualifizierung eine Ausbildung in den Fachbereichen Medizin, Pflege oder Sport anstreben. Neben dem Vollzeitlehrgang ist ein vierwöchiges Praktikum Pflicht für alle Teilnehmer.

Neben einer abgeschlossenen Schulausbildung müssten die angehenden Wohlfühl-Experten vor allem Einsatzfreude mitbringen, mobil sein und keine Scheu vor Kunden haben, sagt Karin Smettan, Leiterin der Berliner BBQ-Niederlassung. Die Chancen in der Region Berlin Brandenburg einen Job zu finden, seien derzeit gut. In der Hauptstadt gibt es zahlreiche Luxushotels, die für ihre Gäste ein Entspannungsprogramm entworfen haben, dazu kommen Spezialsaunen, Schönheitssalons und große Wellness-Anbieter. Brandenburg wird zudem gerne als "Bäderland" vermarktet. In den acht Kurorten und 20 Thermen sind Spezialkräfte gefragt.

Saunen, Hotels und Thermen suchen dringend Fachkräfte

Smettan zufolge liegt der Grund für den Boom der Branche vor allem im wachsenden Bewusstsein für die eigene Gesundheit. Dies gelte nicht nur für den Alltag sondern vor allem auch für den Beruf. Die hohe Nachfrage nach Wellness-Angeboten schlägt sich auch auf dem Arbeitsmarkt nieder. Fachleute sind gefragter als je zuvor und in der Region teilweise noch Mangelware.

Dass gutes Personal schwer zu finden ist, diese Erfahrung hat auch Patrick Maldonado gemacht, Mitinhaber der Day Spa Akademie. Seit mehr als acht Jahren betreibt er eine Wellnessanlage mit Sauna, Massage- und Kosmetikangeboten in Bonn. "Die Ansprüche der Kunden sind hoch", sagt Maldonado. "Sich zu entspannen heißt für viele, sich etwas zu gönnen“. Als er keine geeigneten Fachkräfte für seine Anlage fand, gründete er ein eigenes Weiterbildungszentrum, in dem Interessierte die Geheimnisse des Wohlfühlens lernen können. Klassische Massage, Gesichtsbehandlungen. Körperpeeling: „Die Standards müssen die Wellnessfachkräfte drauf haben", sagt der 36-Jährige. Aber auch Exotisches ist gefragt. Ganz oben auf der Liste steht die Entspannung mit sogenannten Lava Shells: Mit einer Venusmuschel wird der gesamte Körper sanft massiert und erwärmt.

Maldonados Akademie hat außer dem Wellnessberater mit IHK-Abschluss auch Workshops zu einzelnen Techniken und Seminare für Existenzgründer im Programm. Die Kurse finden bundesweit statt. „Viele Fachkräfte arbeiten auf selbstständiger Basis", sagt Maldonado. Wer sich für diese Branche entscheidet, muss damit rechnen vor allem abends, am Wochenende oder an Feiertagen zu arbeiten. Außerdem sind sowohl Jobs im Hotel als auch in der Wellnessanlage saisongebunden. Vor allem in der trüben Jahreszeit sind Sauna und Thermalbad gefragt. In den Ferien bieten viele Hotels Programme mit Sport, Entspannung und speziellen Ernährungsplänen an.

Dass der Wellnessberater nur als geschönter Begriff für den Saunaaufgießer gilt, dagegen verwehrt sich die Branche. Druck im Job, Hetze im Privatleben, ständige Erreichbarkeit: Sich im Alltag zu entspannen, wird für viele Menschen immer schwieriger. Wellnessberater übernehmen auch die Verantwortung dafür, die Gestressten mit Tipps zu versorgen, etwa für gesunde Ernährung oder Übungen für zu Hause zu versorgen.

Die Absolventen der Wellness-Weiterbildung können mit ihrer Qualifikation auch im Ausland auf Jobsuche gehen. Fester Bestandteil des IHK-Lehrgangs sind Kenntnisse über Einrichtungen in Deutschland und Europa, die verschiedenen Arbeitgeber und die Besonderheiten der Spa- und Wellnesslandschaften. Auch mit kulturellen Eigenheiten müssen sich Wellnessberater auskennen. In England etwa ist es verpönt, nackt in die Sauna zu gehen. In Italien oder Spanien sind mancherorts die Angebote für Massage, Dampfbad und Yoga streng nach Männern und Frauen getrennt. Auch die heimischen Saunen, Thermalbäder und Fitnesszentren sind Touristenmagneten. Kulturelles Fingerspitzengefühl ist also nicht nur für einen Job in der Ferne wichtig, sondern auch hierzulande.

Wellnessprofis brauchen kulturelles Feingefühl

Da die Branche Fachkräfte braucht, gibt es zahlreiche Fördermöglichkeiten. Sowohl die Agentur für Arbeit, die Jobcenter als auch die Berufsgenossenschaften und der Berufsförderungsdienst der Bundeswehr unterstützen die Teilnehmer finanziell. Wer selbst zahlt, muss mit Kosten von rund 5000 Euro für den kompletten IHK-Kurs rechnen. Sprachkurse oder Qualifikationen für spezielle Massagetechniken kosten zwischen 200 Euro und 500 Euro.